Toni Wojnarski (*1956) ist der letzte Nacht-Zeitungsverkäufer Zürichs. Er ist sieben Tage in der Woche von halb zwölf bis halb drei unterwegs, um frisch von der Presse die aktuellen Geschichten und Informationen an den Mann und die Frau zu bringen. Toni macht das seit über 22 Jahren. In dieser langen Zeit hat sich in seinem Leben viel verändert. Aber nicht nur das: Dazu kamen auch gesellschaftliche Umwälzungen und ein grundlegender Wandel des Mediensystems.

TF ist ein Film über das ungewöhnliche Leben und Berufsleben von Toni Wojnarski. Gleichzeitig wirft TF auch einen unnostalgischen Blick auf einen im Aussterben begriffenen Beruf. Der Schwemme von Schweizer Gratiszeitungen, die allmorgendlich in anonymen, blechernen Zeitungsboxen liegen, steht die Person Toni wie ein Relikt aus einer anderen Zeit gegenüber. Nachts, wenn die Kästen der Gratiszeitungen leer sind, bringt Toni seine Ware noch höchstpersönlich unters Volk.

Zu Tonis Kunden zählen zufällige Passanten ebenso wie entrückte Nachtschwärmer. Und es gibt auch einige regelmässige Käufer, mit denen Toni im Laufe der Jahre ein professionell-distanziertes und doch kollegiales Verhältnis aufgebaut hat. Der 30-jährige Sami, Besitzer der Crash-City-Bar, kauft jede Nacht bei Toni. Erich, Postbeamter und Stammkunde im Nachtlokal Johanniter, will immer nur den Sportteil - und bekommt dafür von Toni einen 50-Rappen-Rabatt. Und der Securitas-Nachtwächter Charly passt im Tausch gegen die neusten Nachrichten auf Tonis Velo auf, wenn der zu Fuss unterwegs ist.

Wenn Toni Nacht für Nacht von einer Bar zur nächsten zieht, hat das einen starken körperlichen Aspekt - er ist unmittelbar bei seinen Käufern. Vielleicht ist es diese physische Charakteristik, die Tonis Kunden fasziniert, deren Arbeitsplatz mit Computer bestückt und ihr Alltag von der vernetzten Informationsgesellschaft durchdrungen ist. Könnte es sein, dass eine "sinnliche Art der Informationsbeschaffun", wie es der Zeitungskauf bei Toni darstellt, kombiniert mit dem fast schon fetischistischen Aspekt des Printmediums - könnte es also sein, dass dieser Vorgang einen besonderen Lustgewinn für Tonis Kunden bedeutet? Und was sagt Toni selber zu solchen Mutmassungen? Wer ist diese stadtbekannte Persönlichkeit, dieser "Street Character" und wie steht die berufliche Tätigkeit seinen privaten Interessen gegenüber? Wer ist dieser Merkur, das Gesicht, das als letzte Instanz die Informationen an uns heranträgt, bevor sie schliesslich unserer eigenen Interpretation überlassen werden?

Toni verfolgt einen ganz eigenen Lebensentwurf. Zwar wird sein Alltag von seiner Arbeit bestimmt: Er ist über die Jahre zum Nachtmenschen geworden - aber das ist nur das Offensichtliche. Denn hinter seiner professionellen, höflichen Art, die jeder kennt, der jemals nachts eine Zeitung bei ihm erworben hat, schlummert ein äusserst kritischer Geist. Toni, der fleissige Zeitungsverkäufer, steht der Masseninformation skeptisch gegenüber. Auch seine politischen Ansichten sind regelrecht radikal und fänden in keiner Tageszeitung Platz.

Auch die Weise, wie Toni wohnt, ist aussergewöhnlich: Dieser allein stehende Man von Anfang 50 lebt seit gut 21 Jahren in einer achtköpfigen Wohngemeinschaft zusammen mit Menschen unterschiedlicher Altersstufen und Beschäftigungen. Auch wir, die kulturarrivierten Filmemacher von TF haben in dieser Wohngemeinschaft im Zürcher Kreis 6 gewohnt, in der Toni eine ganz besondere Position einnimmt. Wir, die Mitbewohner, kennen ihn und kennen ihn doch nicht. Meistens tritt er uns mit derselben höflichen aber distanzierten Art gegenüber, die er auch in seinem Berufsleben an den Tag - beziehungsweise die Nacht - legt.

Doch Toni ist ein angenehmer Mitbewohner. Er kümmert sich zum Beispiel um Abfallrecycling, hat in der Küche dafür sechs verschiedene Behälter installiert, die er in wöchentlichem Abstand akribisch aussortiert und liebevoll entsorgt. Toni sieht viel fern, aber nur Sendungen zu politischen Themen, News-Formate und Dokumentationen. Sein besonderes Interesse gilt der Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts, allem voran dem Zweiten Weltkrieg. Über die Jahre hat er sich ein Videoarchiv mit über 200 selbst aufgenommenen und zwar aber unbeschrifteten VHS-Kassetten zugelegt.

Phasenweise sitzt Toni nächtelang im Wohnzimmer, um die Memoiren seines Vaters, der im russischen Arbeitslager inhaftiert war, aus dem Polnischen ins Deutsche zu übersetzen. Wenn er mittags aufsteht, um ein tägliches Birchermüsli zu essen, hört er dazu laute Rockmusik aus den 70er Jahren, der er - auf Grund eines epiphanen Erlebnisses in seiner Jugend - ein Leben lang treu geblieben ist. Ausserdem praktiziert Toni seit 15 Jahren in einem Zürcher Dojo-Center Karate. Sommer wie Winter macht er täglich im kleinen Hinterhaushof seines Hauses oder im Waschkeller barfuss seine Übungen.

All das über Toni wissen wir aus unseren täglichen Beobachtungen. Aber das, was uns sympathisierende und involvierte Filmemacher an Tonis Person besonders interessiert, sind neben den exemplarischen, professionellen Details eines aussterbenden Berufes, die grossen, übergeordneten Gedanken seiner individuellen Persönlichkeit, die sich in seinem anachronistisch erscheinenden Lebensstil widerspiegeln. So zeigt TF eine Gegenüberstellung von Tonis öffentlichem und privatem Leben und ganz nebenbei fliessen viele Eindrücke aus Zürichs schillerndem Nachtleben mit ein. Tonis Scheu vor der Kamera wird dabei genauso mit thematisiert wie der Umstand, dass er sich geschmeichelt fühlt, dass ein Film über ihn entsteht.

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